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Samstag, 20. April 2019

Portrait: Lizzy Mercier Descloux (1956 - 2004)



Lizzy Mercier Descloux war eine Avantgardistin. In ihrer Musik verband sie die Popmusik der New Yorker No Wave Szene und dem, was man so Weltmusik nennt. Sie war stets unterwegs, auf musikalischen Reisen durch Äthiopien, Südafrika aber auch Südamerika. Ihre scheinbare Rastlosigkeit und ihre Idee verschiedene Musikstile zusammen zu bringen, erinnerten nicht selten an die spätere Arbeit eines Bill Laswell. Im Gegensatz zu ihm nahm sie jedoch nahm nur eine handvoll Alben auf; sie spielte in kleinen Filmen ebenso kleine Rollen, schrieb Musik für Soundtracks und widmete sich in den letzten Jahren ihres Lebens der Malerei.

Keine zwanzig Jahre war sie alt, als sie 1975 erstmals nach New York kam, wo sie sich sofort wohl fühlte und in Künstlern wie Patti Smith oder Richard Hell Freunde fand, die beide Material für ihr erstes Buch Desiderata beisteuerten. 1976 siedelte sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Michel Esteban ganz über, kaufte sich eine Gitarre und begann ihre Musikerkarriere.

1978 veröffentlichte sie unter dem Namen Yemen Rosa gemeinsam mit Didier Esteban (D.J. Barnes) ihre erste 6-Track-EP auf dem Label des von Michel Esteban und Michael Zilkha gegründeten Labels Ze Records. Ein Jahr später folgte das legendäre Debutalbum Press Color, das heute zu den Klassikern der No-Wave-Genres zählt. Mercier-Descloux' minimalistisches, etwas schräges, zappeliges funky Gitarrenspiel prägte das Album ebenso, wie ihr atemloser, oft auch disharmonischer Gesang. Zu dieser Zeit lernte sie Jean Michel Basquiat kennen, der ihr eine stetige Inspirationsquelle werden sollte.

Mit ihrem zweiten Album, 1981 von Chris Blackwell auf dessen Island Label realisiert, vereinigte Lizzy Mercier Descloux erstmals afrikanische Musik mit Funk, Rock, Soul und Reggae, eingespielt in den legendären Compass Point Studios auf den Bahamas gemeinsam mit Steven Stanley and Keyboarder Wally Badarou. Auch wenn der kommerzielle Erfolg ausblieb, sorgte diese Produktion für einen Vertrag mit der französischen CBS. Mit dem Song Mais où Sont Passées les Gazelles?, inspiriert durch die Musik, die sie auf einer Reise durch Soweto gehört hatte, hatte sie in Frankreich einen Überraschungshit, der im Sommer 1984 auf allen Sendern spielte.

Der Song erschien dann etwas später auf Mercier Descloux' nächsten Album Lizzy Mercier Descloux (2006 als Zulu Rock wiederveröffentlicht), das größtenteils in Südafrika eingespielt war. Heute angehört, nimmt dieses Album erstaunlicherweise Paul Simons Graceland-Album (das erst 1986 erschien) vorweg. Nur ohne dessen Erfolg; obwohl es durchweg beste Kritiken erhielt und noch heute bei vielen Experten ganz oben in deren Lieblingslisten rangiert.
Angestachelt von diesem Projekt versuchte sie sich einen Traum zu erfüllen: afrikanische Musiker mit Musikern aus New Orleans zusammenzubringen. Das scheiterte allerdings an den südafrikanischen Behörden, die sich weigerten entsprechende Visa auszustellen.

Stattdessen reiste sie 1985 nach Rio de Janeiro, um dort ein Album mit lokalen Musikern einzuspielen. Auf dem RIO Jazz Festival traf sie überraschend auf Chet Baker, den sie spontan ins Studio einlud und der auf fünf Songs die Trompete spielte. Das Ergebnis war One For The Soul ein Album "mit Seele für die Seele", wie Lizzy Mercier Descloux es einmal selbst bezeichnete. Für mich persönlich ihr bestes Album. Es zeichnet sich durch eine wunderbar relaxte, ja zarte aber keineswegs oberflächliche Atmosphäre aus.

Ein Album sollte noch folgen. Suspense spielte sie 1988 mit Mark Cunningham, Trompeter der Postpunkband Mars, in London ein. Das Album brach mit ihren zuletzt benutzen Stilmitteln. Es klingt wie ein britisches Pendant zu ihrem ersten Album, mit guten Musikern eingespielt, aber leider ohne die zündende Idee, ohne einen roten Faden, der ihre vorherigen Alben stets zusammenhielt.

Mitte der Neunzigerjahre hat Lizzy Mercier Descloux angeblich noch einmal einen Versuch gestartet und in New York ein Album eingespielt, das jedoch unveröffentlicht blieb. Gleichzeitig widmete sie sich wieder verstärkt der Malerei und schrieb einen Roman mit dem Titel Buenaventura. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie auf Korsika, wo sie heute vor 15 Jahren, am 20. April 2004, verstarb.

Discografie

Lange Jahre waren Lizzy Mercier Descloux' Alben nicht erhältlich. Einerseits, weil sie auf verschiedenen Labels erschienen waren, andererseits weil ihr "Hauslabel" Ze Records seinen Betrieb eingestellt hatte. Doch 2004 öffneten die Online-Pforten des neu aufgelegten Labels und das Werk von Mercier Descloux war vorübergehend zumindest digital wieder verfügbar. Inzwischen hat sich die Auferstehung von Ze Records aber auch wieder erledigt. Glücklicherweise erschienen 2016 schließlich bei dem Label Light in the Attic alle Alben in aufwändiger Aufmachung auch wieder als Vinyl-Schallplatten. Endlich!
  • Rosa Yemen (1978) EP
    2003: auf dem Album Press Color (Ze Records)
  • Fire/Mission Impossible 12"
    2003: download, 12"
  • Press Color (1979) LP
    2003: CD (digipak), LP, download
    2010: CD (MiniLP)
    2015: 2LP, inkl. der Rosa Jemen EP
  • Mambo Nassau (1981) LP
    2003: CD (digipak), download
    2010: CD (MiniLP)
    2016: LP
  • Lizzy Mercier Descloux (1984) LP, CD
    2006: Zulu Rock CD (digipak), download
    2010: Zulu Rock CD (MiniLP)
    2016: Zulu Rock LP
  • One For The Soul (1986) LP, CD
    2009: download
    2010: CD (MiniLP)
    2016: LP
  • Gypsy Flame/Gueule d'Amour EP
    2003: download
  • Suspense (1988) LP, CD
    2009: download
    2010: CD (MiniLP)
    2016: LP
  • Best Off (2006) CD, download
  • From Heaven With Love (2011) download
  • Voilà, Voilà: The Remixes (2015) download
Alle aufgelisteten Alben und EPs sind derzeit als Download über amazon erhältlich.
2016 wurden sämtlich Alben der Französin auf Vinyl wiederveröffentlicht.

:: Lizzy Mercier-Descloux bei Light in the Attic :: Wikipedia :: Richard Hells Nachruf  :: Nachruf von Oliver Tepel (Spex) ::

Mittwoch, 20. Juli 2011

Die Vorwegnahme von Fusion

Frank Zappa - Hot Rats (1969)
Reprise Records
Keine Ahnung, wann genau ich dieses Album zum ersten Mal hörte. Nur wo, das weiß ich noch. Bei uns, im heimatlichen Jazzkeller, irgendwann in den Siebzigern.
Hot Rats veränderte meine Sicht auf Frank Zappa und seine Musik völlig. Fortan sah ich in ihm eher den Komponisten. Formal war das die Vorwegnahme von Fusion, und gleichzeitig auch deren Höhepunkt. Aber es ist eher kein Jazz. Hier ist jede Nuance von Zappa perfekt durch arrangiert und selbst die Soli klingen allesamt "komponiert", durch und durch melodiös. So kann man jede der Melodien schon beim zweiten Mal mitsummen. Also ein Album, das gute Laune macht, das anspruchsvoll und doch eingängig ist, also beinahe die Kriterien für ein perfektes Popalbum erfüllt.


Und das hervorragend klang: Es war eines der ersten Alben, das im 16-Spur-Verfahren eingespielt wurde. Trotzdem hat Zappa das Mastering für die CD, im Digitalisierungswahn 15 Jahre später, leider völlig verhunzt. Ob das auf späteren Auflagen der CD (gerade 2009 ist diese bei Ryko zum x-ten Male wiederveröffentlicht worden) wieder rückgängig gemacht wurde, weiß ich nicht. Also: lieber LP hören! 

Sonntag, 3. Juli 2011

Gerade gehört: Ricardo Villalobos & Max Loderbauer - Re: ECM


Produziert im Berliner Laika Studio im Herbst 2009, konnte Ricardo Villalobos seine Leidenschaft zur Musik des Labels ECM mit dem Doppelalbum Re: ECM krönen. Mit Arvo Pärts Tabula Rasa baute Villalobos vor Jahren erstmals Musik seines Lieblingslabels ECM in seine DJ-Sets ein. Seine minimalistische elektronische Musik schien sich besonders leicht mit den organischen Sounds von ECM kombinieren zu lassen. Zusammen mit Max Loderbauer begann Villalobos schließlich ausgewählte Werke zu dekonstruieren und über diese mit Loops und Synthesizer zu improvisieren. Ergebnis: ein Album, das nun auf eben jenem Label, auf Manfred Eichers ECM, erschien.

Natürlich ist das rein formal gesehen auch Jazz, denn die beiden Elektroniker bedienten sich durchaus der Improvisation. Vom Gefühl her ist das jedoch eher ein Ambientalbum, erinnert mitunter an Brian Enos und David Byrnes Meisterwerk My Life In The Bush Of Ghosts, oder an späte Werke eines David Sylvian; allerdings in einer weitaus minimalistischeren Umsetzung, bedingt auch dadurch, dass Villalobos und Loderbauer nicht die einzelnen Spuren der Originale bearbeiten konnten, sondern einzelne Instrumente, Stimmen oder Atmosphären extrahierten und diese neu bearbeiteten und zusammensetzten.  

Die besten Stücke sind für mich die, die mit Stimmen arbeiten. Zum einen Resvete, basierend auf Alexander Knaifels Svete Tikhiy, und zum anderen Reblazhenstva, das auf dem Stück Blazhenstva des selben Komponisten beruht. 

Dieses Projekt ist nicht das, was man von einem Remixalbum erwarten würde. Es hat auch nichts mit Matthew Herberts ähnlichen Versuchen zu tun. Es klingt, besonders wenn man die Originale nicht kennt, praktisch wie ein eigen-ständiges Werk. Es beeindruckt durch das Wechselspiel organischer mit elektronischen Klängen und wurde exzellent gemastert. Neben Werken der bereits erwähnten Pärt und Knaifel wurden außerdem Aufnahmen und Kompositionen von Paul Giger, Louis Sclavis, Christian Wallumrød, John Abercrombie, Miroslav Vitous, Wolfert Brederode, Enrico Rava, Stefano Bollani, Paul Motian und Bennie Maupin verwendet. Ein echtes Hörerlebnis!

Kaufen (amazon) | Das Album bei ECM

Donnerstag, 23. Juni 2011

Sounds No Walls 2011: Jazz & Jewish Culture

An diesem Wochenende findet in Berlin zum dritten Mal die außergewöhnliche Konzertreihe Sounds No Walls statt, die in diesem Jahr den Untertitel Jazz & Jewish Culture trägt und die unterschiedlichen Facetten jazzmusikalischen Schaffens "mit jüdischen Identitäten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation beleuchten will". Bis Sonntagabend finden im Jüdischen Museum in der Lindenstraße 12 Veranstaltungen statt, in denen nicht nur Musiker auftreten, die sich der New Yorker Bewegung Radical Jewish Culture zugehörig fühlen, sondern auch Vertreter der aktuellen israelischen Jazzszene werden aufspielen. Das erweitert den Horizont auf eine einmalige und meines Wissens bisher noch nicht dagewesene Weise.

So wird man in Berlin ein breites Spektrum an Musik zu hören bekommen. "Solche, die sich aus dem Geist gegenwärtigen Schaffens auf die Tradition beziehen wie auch vergleichsweise abstrakte Klangsprachen, die das Anliegen eher aus einer Haltung heraus thematisieren", schreibt Bert Noglik, Künstlerischer Leiter des Projekts.
"Shelley Hirsch webt eine Performance aus der Erinnerung an eine jüdische Kindheit in East New York. Paul Brody, Alan Bern, Michael Rodach wie auch Efrat Alony schöpfen aus den Erfahrungen von Biografien, die in Berlin zusammenlaufen. Burton Greene und Perry Robinson zählten bereits in den sechziger Jahren zur Speerspitze der New Yorker Avantgarde und verbinden nun Free Jazz mit Erinnerung an die Musik des osteuropäischen Schtetl und den jüdischen Traditionen Amsterdams. Don Byron wiederum entdeckt in dem legendären Komiker und Musiker Mickey Katz eine Gestalt, die sich in einer Zeit, in der das in Amerika nicht opportun war, zu einem explizit jüdischen Humor und Eklektizismus bekannte. Zugleich schlägt Don Byron einen Bogen von der jüdischen zur afroamerikanischen Ausdruckswelt, in der der Blues zum Blueprint für gemeinschaftlich erfahrenes Leid wird. Elliott Sharp und Christian Brückner rufen die Shoah in Erinnerung."
Abschließen wird die Konzertreihe am Sonntagabend David Krakauer und sein Madness Orchestra mit dem Programm "Plays John Zorn, Traditionals & Originals". Mit von der Partie sind neben Klarinettist Krakauer Marvin Sewell an der Gitarre, Bassist Trevor Dunn, Michael Sarin, Schlagzeug und Hip-Hopper Kotchy, der den Sampler bearbeiten wird. Die Karten sind bezahlbar. Mehr dazu auf der Webseite zum Event.

Natürlich kann und sollte man die parallel stattfindende Austellung Radical Jewish Culture im Jüdischen Museum, die noch bis zum 24. Juli läuft, besuchen. Ich hatte sie bereits im Mai besucht.

Freitag, 27. Mai 2011

Gil Scott-Heron gestorben

Photo by Mischa Richter

Gestern verstarb der Singer-Songwriter, Sänger und Poet Gil Scott-Heron. Er wurde 62 Jahre alt.

Gil Scott-Heron bewegte sich mit seiner Musik immer irgendwo zwischen Jazz, Soul, R&B und Reggae. Und er war ein politischer Mensch. Das machte ihn zum Einfluss vieler schwarzer Musiker, besonders im R&B oder Hip-Hop.

Scott-Heron veröffentlichte in den 70er- und frühen 80er-Jahren eine ganze Reihe von Alben, einige großartige aber auch einige weniger wegweisende. Sein größter Hit und bekanntester Song war zweifelsohne The Revolution Will Not Be Televised. Ein Titel, der über die Jahre als Redewendung Einzug in den kulturellen Sprachgebrauch einging. Später kämpfte Scott-Heron mit Drogenproblemen und 2001 musste er deswegen sogar für einige Zeit ins Gefängnis. Jahrelang war musikalisch nichts von ihm zu hören.

Doch Gil Scott-Heron kam zurück und veröffentlichte 2010 ein sehr eindringliches Album namens I'm New Here.

Auf seiner Webseite kann man sich einige seiner Videos anschauen.

Offizielle Webseite | Gil Scott-Heron bei amazon

Sonntag, 22. Mai 2011

Gerade gehört: Tied + Tickled Trio + Billy Hart - La Place Demon


Schon seit Anfang April auf meiner Festplatte bin ich erst jetzt dazu gekommen mir das neue Werk des Tied + Tickled Trios anzuhören. Zur Verstärkung haben sich die Brüder Markus und Micha Acher dieses mal u.a. den fantastischen Saxophonisten Johannes Enders, den Klarinettisten Ulrich Wangenheim, sowie als Special Guest den Schlagzeuger Billy Hart ins Studio geholt; und präsentieren auf diese Weise eine äußerst gelungene Mischung aus Hard Bob, Cool-Jazz bis hin zu wüsten Free-Jazz-Passagen. Aber alles wohldosiert und extrem unterhaltsam.
Auch als Vinyl erhältlich!


Tour Daten:
30.05 München — Volkstheater
31.05 Mannheim — Alte Feuerwache
01.06 Leipzig — Centraltheater
02.06 Berlin — HAU 1

Tied + Tickled Trio bei Morr | Kaufen (amazon)

Montag, 16. Mai 2011

Ausgegraben: The Complete Arista Recordings of Anthony Braxton

The Complete Arista Recordings of Anthony Braxton

Am Wochenende ist mir diese 8-CD-Box in die Hände gefallen, die bereits 2008 in limitierter Auflage von 5000 Stück erschien, in Deutschland aber nur schwer erhältlich ist. Die Box enthält u.a. auch das Album Five Pieces, das mich erstmals mit der Musik Anthony Braxtons in Berührung brachte. Mich faszinierte damals sofort die großartige Mischung aus Bopelementen und ganz neuen Tönen, weit abseits der 1975 doch weit verbreiteten Fusionseskapaden. Five Pieces hatte weit mehr. Und es fesselte mich, weil vieles darauf auch einen sehr souligen Charakter hatte. Ähnlich einem Pharoah Sanders etwa. Das war mein Einstieg in diese Musik.

Doch Anthony Braxton ist weit mehr als ein Jazzmusiker (er empfand sich nie als solcher). Er nennt sich lieber Komponist, sieht sich selbst irgendwo zwischen John Coltrane und Karlheinz Stockhausen oder John Cage. Er studierte Philosophie, war Hochschullehrer und hat seit 1990 eine Professur für Musik an der Wesleyan University. 1985 legte er sein dreibändiges musikphilosophisches und -theoretisches Werk Tri-Axium-Writings vor. Und als Musiker spielt er alle Arten von Flöten, Saxophone, Klarinetten und auch Klavier. Im Übrigen war und ist er der wichtigste Einfluss auf den von mir hier kürzlich erwähnten John Zorn.

Als Clive Davis 1974 CBS verließ und sein Arista Label gründete, war Braxton sein Wunschkandidat für die Abteilung Jazz. Und Braxton sagte zu, weil Davis ihm alle Freiheiten gewährte. So enstanden in sechs Jahren neun Projekte, die allesamt kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können. Als Braxtons Vertrag 1980 schließlich auslief, war Arista gerade knapp dem bankrott entgangen und von der Ariola aufgekauft worden. Von da an konzentrierte man sich mit Musikanten wie Dionne Warwick oder Whitney Houston vorrangig ums Geld machen und die Bänder mit der Musik Anthony Braxtons (und sicher nicht nur diese) verschwanden irgendwo auf Nimmerwiedersehen in dunklen Löchern.

Und so geschah es, dass diese Phase Braxtons (und des Labels Arista) beinahe 30 Jahre lang nicht mehr erhältlich war. Ein Jammer! Doch dank Mosaic Records konnte diese Lücke 2008 endlich wieder geschlossen werden. Benutzt wurden für die Wiederveröffentlichung offenbar nicht die Masterbänder. Dass man bei der Überspielung zumindest teilweise auf Vinylschallplatten zurückgreifen musste, ist dem Material auf der Box aber nur an manchen Stellen anzuhören und schmälert den Hörgenuss in keiner Weise. Ich bin fast geneigt zu sagen: im Gegenteil! Dass die Box hier in Europa nicht erhältlich ist und nur teuer importiert, bzw. bestellt werden kann, ist jedoch sehr traurig, denn Braxton hat gerade hierzulande große Erfolge und Anerkennung gefunden.

Links:
Anthony Braxtons Webpräsenz
Mosaic Records
Ausführliche Anthony Braxton Discografie
Anthony Braxton auf YouTube
Anthony Braxton auf amazon

Sonntag, 15. Mai 2011

Gerade gehört: Bohren und der Club of Gore - Beileid

Bohren und der Club of Gore - Beileid

Das lustigste an Bohren und der Club of Gore ist ja, dass viele Menschen nicht wissen, wo sie diese Musik einordnen können. Zwischen Doom (auf Wikipedia wird das Drone-Doom genannt) bis Jazz ist da alles vertreten. Für mich ist das einfach nur langsame, um nicht zu sagen, sehr, sehr langsame Musik, eingespielt in Quartettbesetzung mit Bass, Schlagzeug, Saxophone und Tasteninstrumenten. Die Langsamkeit der Darbietung ermöglicht es die einzelnen Töne so lange zu dehnen, bis sie praktisch ein Eigenleben entwickeln. Dann ist man ganz in der Nähe von Ambient-Musik. Ein in der Musik (beinahe) einzigartiges Projekt, das immer wieder für neue Überraschungen sorgt. Auf diesem Minialbum mit knapp 40 Minuten Spielzeit z.B. durch eine Coverversion eines Doro Pesch-Titels, für den die Band sich keinen geringeren als Mike Patton als Sänger ins Studio holte.

Tour Daten:
02.07.2011 Duisburg (DE), Traumzeit Festival
06.08.2011 Kattowice (PL), Off Festival
30.09.2011 Essen (DE), Denovali Swingfest

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Samstag, 14. Mai 2011

Radical Jewish Culture: eine Ausstellung in Berlin

2562 - Fever
Radical Jewish Culture

Zur Zeit findet im Jüdischen Museum in Berlin eine Ausstellung über die sogenannte Radical Jewish Culture statt, eine Bewegung verschiedener New Yorker Musiker jüdischer Abstammung, die sich Ende der 80er-Jahre in Downtown Manhattan formierte und ihre Wurzeln im Knitting Factory hatte, dem legendären Club in der Houston Street in Manhattan, spezialisiert auf experimentelle Musik, Jazz und Avantgarde.
Es brauchte allerdings ein Festival in München, bei dem von John Zorn kuratiert, Musiker wie Marc Ribot, David Krakauer aber auch Lou Reed auftraten (Zorn selbst führte seinen Zyklus Kristallnacht hier zum ersten Mal auf) und dabei erstmals eine Art jüdisches Gemeinschaftgefühl aufkam. Dies manifestierte sich in einer Schrift, in der John Zorn und Marc Ribot erstmals über eine Radical Jewish Culture nachdachten.

Wichtig dabei ist, das es sich hier um keinen religiösen oder stilistischen Rahmen handelt, sondern dass es alleine um die Herkunft der Musiker geht. Musikalisch ist dagegen alles erlaubt. Ganz im Sinne von John Zorn selbst, der sich mit allen nur denkbaren Musikrichtungen auseinandergesetz hat. Von Jazz, über Metal und Hardcore bis hin zu Neuer Musik und Klassik - eindrucksvoll unter Beweis gestellt mit seinen Projekten Naked City, Painkiller oder Masada.

1995 gründete Zorn das Label Tzadik und erklärte diese Herangehensweise an Musik zur Labelpolitik. Seitdem sind dort erfolgreich weit über 100 CDs erschienen.

Dieser Geschichte widmet sich nun diese Ausstellung. Sie präsentiert neben Exponaten, wie man sie erwarten kann (z.B. Schallplatten- oder CD-Cover) auch Schriften und viel Historisches über das Judentum in New York. Auf den Wänden finden sich zudem großflächige Texte, in denen die wichtigsten Musiker der Szene portraitiert werden und an unzähligen Monitoren kann man sich per Kopfhörer in Interviews einklinken. Einige Ausschnitte daraus konnte man in letzter Zeit bereits im TV begutachten, doch hier kann man sich nun in die verschiedenen Themen so richtig vertiefen. John Zorn, Marc Ribot, Elliott Sharp, Frank London, David Krakauer, Shelley Hirsch (und noch wer) erweisen sich als kompetente Gesprächspartner.

Das Herz der Ausstellung stellen aber vier Vorführräume dar, in denen in Dauerschleife Filme, wie z.B. ein Masada-Konzert aus dem Jahr 1994, laufen. Auch John Zorns Aufführung von Kristallnacht 1992 in München ist zu sehen, sowie eine ganze Reihe anderer musikalischer Beispiele der Szene.

Ich bin an einem ruhigen Donnerstagvormittag dort gewesen und habe ca 2 Stunden gebraucht. Dann war ich durch. Dabei habe ich mir aber nicht alle Filme in voller Länge angeschaut. Man könnte sich also bestimmt auch 3 Stunden dort aufhalten.
Der Eintritt beträgt 4 EUR. Das begleitende JMB-Journal mit viel Hintergrundmaterial kostet 2,50 EUR.

Doch was wäre eine Ausstellung über Musik ohne ein musikalisches Begleitprogramm? Genau! Deswegen gibt es auch einiges an Musik drumherum. Z.B. ein bestimmt sehr interessanter Auftritt des Klezmer-Hip-Hoppers Socalled und eine Konzert mit Uri Caine, Tim Sparks und Greg Cohen.

Radical Jewish Culture (JMB) | Das JMB-Journal online lesen | Tzadik | Tagesschau Beitrag zur Ausstellung

Montag, 9. Mai 2011

Ausgelesen: Miles Davis von Wolfgang Sandner

2562 - Fever
Miles Davis von Wolfgang Sandner

Ein Musiker, der Musik erschaffen hat. Denke ich an Bitches Brew, mein Lieblingsalbum von Miles Davis, dann steht das in der Musikgeschichte wie ein Monument! Für Jazz-Puristen zu rockig, zu elektrisch, für Rocker zu komplex, zu fremdartig. Für mich genau das, was mich immer interessierte. Wenn Musikstile sich vermischen. Fusion nannte man das damals. Heute hat dieser Begriff einen etwas unguten Beigeschmack. Zuviel Gruseliges hat sich - auch schon in den Siebzigern - hinter diesem Label versteckt. Dass Davis sich damals extrem von Jimi Hendrix und seiner Art Musik zu verstehen, hat beeinflussen lassen, habe ich nun aus Wolfgang Sandners Buch erfahren. Ein Buch, das knapp aber umfassend über den vielleicht visionärsten Jazz-Musiker aufklärt (und dabei einiges aus Davis' Autobiografie klarstellt) und seine Stellung und Bedeutung für die Musikgeschichte im Allgemeinen herausarbeitet. Dabei wird natürlich auch anderen Musikern, Kollegen wie Konkurrenten, viel Platz eingeräumt. Denn ohne Dizzy Gillespie oder Charlie Parker, ohne John Coltrane oder Marcus Miller hätte Miles Davis seine Genialität niemals so wunderbar unter Beweis stellen können. Ein lesenswertes Buch über einen großen Musiker und ein Stück Musikgeschichte; und mit einer ausführlichen Diskografie am Ende des Buches. 

Rezession (echo-online) | Wolfgang Sandner (Rowohlt) | Kaufen (amazon)

Wiederveröffentlicht: Ministry. The Mind Is a Terrible Thing to Taste

1989 hatte ich einen Plattenladen, in dem 50% meiner Kunden Heavy-Metal kauften. Alles, was damals so angesagt war: Metallica , Kreator ,...

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