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Donnerstag, 23. Juni 2011

Sounds No Walls 2011: Jazz & Jewish Culture

An diesem Wochenende findet in Berlin zum dritten Mal die außergewöhnliche Konzertreihe Sounds No Walls statt, die in diesem Jahr den Untertitel Jazz & Jewish Culture trägt und die unterschiedlichen Facetten jazzmusikalischen Schaffens "mit jüdischen Identitäten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation beleuchten will". Bis Sonntagabend finden im Jüdischen Museum in der Lindenstraße 12 Veranstaltungen statt, in denen nicht nur Musiker auftreten, die sich der New Yorker Bewegung Radical Jewish Culture zugehörig fühlen, sondern auch Vertreter der aktuellen israelischen Jazzszene werden aufspielen. Das erweitert den Horizont auf eine einmalige und meines Wissens bisher noch nicht dagewesene Weise.

So wird man in Berlin ein breites Spektrum an Musik zu hören bekommen. "Solche, die sich aus dem Geist gegenwärtigen Schaffens auf die Tradition beziehen wie auch vergleichsweise abstrakte Klangsprachen, die das Anliegen eher aus einer Haltung heraus thematisieren", schreibt Bert Noglik, Künstlerischer Leiter des Projekts.
"Shelley Hirsch webt eine Performance aus der Erinnerung an eine jüdische Kindheit in East New York. Paul Brody, Alan Bern, Michael Rodach wie auch Efrat Alony schöpfen aus den Erfahrungen von Biografien, die in Berlin zusammenlaufen. Burton Greene und Perry Robinson zählten bereits in den sechziger Jahren zur Speerspitze der New Yorker Avantgarde und verbinden nun Free Jazz mit Erinnerung an die Musik des osteuropäischen Schtetl und den jüdischen Traditionen Amsterdams. Don Byron wiederum entdeckt in dem legendären Komiker und Musiker Mickey Katz eine Gestalt, die sich in einer Zeit, in der das in Amerika nicht opportun war, zu einem explizit jüdischen Humor und Eklektizismus bekannte. Zugleich schlägt Don Byron einen Bogen von der jüdischen zur afroamerikanischen Ausdruckswelt, in der der Blues zum Blueprint für gemeinschaftlich erfahrenes Leid wird. Elliott Sharp und Christian Brückner rufen die Shoah in Erinnerung."
Abschließen wird die Konzertreihe am Sonntagabend David Krakauer und sein Madness Orchestra mit dem Programm "Plays John Zorn, Traditionals & Originals". Mit von der Partie sind neben Klarinettist Krakauer Marvin Sewell an der Gitarre, Bassist Trevor Dunn, Michael Sarin, Schlagzeug und Hip-Hopper Kotchy, der den Sampler bearbeiten wird. Die Karten sind bezahlbar. Mehr dazu auf der Webseite zum Event.

Natürlich kann und sollte man die parallel stattfindende Austellung Radical Jewish Culture im Jüdischen Museum, die noch bis zum 24. Juli läuft, besuchen. Ich hatte sie bereits im Mai besucht.

Montag, 16. Mai 2011

Ausgegraben: The Complete Arista Recordings of Anthony Braxton

The Complete Arista Recordings of Anthony Braxton

Am Wochenende ist mir diese 8-CD-Box in die Hände gefallen, die bereits 2008 in limitierter Auflage von 5000 Stück erschien, in Deutschland aber nur schwer erhältlich ist. Die Box enthält u.a. auch das Album Five Pieces, das mich erstmals mit der Musik Anthony Braxtons in Berührung brachte. Mich faszinierte damals sofort die großartige Mischung aus Bopelementen und ganz neuen Tönen, weit abseits der 1975 doch weit verbreiteten Fusionseskapaden. Five Pieces hatte weit mehr. Und es fesselte mich, weil vieles darauf auch einen sehr souligen Charakter hatte. Ähnlich einem Pharoah Sanders etwa. Das war mein Einstieg in diese Musik.

Doch Anthony Braxton ist weit mehr als ein Jazzmusiker (er empfand sich nie als solcher). Er nennt sich lieber Komponist, sieht sich selbst irgendwo zwischen John Coltrane und Karlheinz Stockhausen oder John Cage. Er studierte Philosophie, war Hochschullehrer und hat seit 1990 eine Professur für Musik an der Wesleyan University. 1985 legte er sein dreibändiges musikphilosophisches und -theoretisches Werk Tri-Axium-Writings vor. Und als Musiker spielt er alle Arten von Flöten, Saxophone, Klarinetten und auch Klavier. Im Übrigen war und ist er der wichtigste Einfluss auf den von mir hier kürzlich erwähnten John Zorn.

Als Clive Davis 1974 CBS verließ und sein Arista Label gründete, war Braxton sein Wunschkandidat für die Abteilung Jazz. Und Braxton sagte zu, weil Davis ihm alle Freiheiten gewährte. So enstanden in sechs Jahren neun Projekte, die allesamt kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können. Als Braxtons Vertrag 1980 schließlich auslief, war Arista gerade knapp dem bankrott entgangen und von der Ariola aufgekauft worden. Von da an konzentrierte man sich mit Musikanten wie Dionne Warwick oder Whitney Houston vorrangig ums Geld machen und die Bänder mit der Musik Anthony Braxtons (und sicher nicht nur diese) verschwanden irgendwo auf Nimmerwiedersehen in dunklen Löchern.

Und so geschah es, dass diese Phase Braxtons (und des Labels Arista) beinahe 30 Jahre lang nicht mehr erhältlich war. Ein Jammer! Doch dank Mosaic Records konnte diese Lücke 2008 endlich wieder geschlossen werden. Benutzt wurden für die Wiederveröffentlichung offenbar nicht die Masterbänder. Dass man bei der Überspielung zumindest teilweise auf Vinylschallplatten zurückgreifen musste, ist dem Material auf der Box aber nur an manchen Stellen anzuhören und schmälert den Hörgenuss in keiner Weise. Ich bin fast geneigt zu sagen: im Gegenteil! Dass die Box hier in Europa nicht erhältlich ist und nur teuer importiert, bzw. bestellt werden kann, ist jedoch sehr traurig, denn Braxton hat gerade hierzulande große Erfolge und Anerkennung gefunden.

Links:
Anthony Braxtons Webpräsenz
Mosaic Records
Ausführliche Anthony Braxton Discografie
Anthony Braxton auf YouTube
Anthony Braxton auf amazon

Samstag, 14. Mai 2011

Radical Jewish Culture: eine Ausstellung in Berlin

2562 - Fever
Radical Jewish Culture

Zur Zeit findet im Jüdischen Museum in Berlin eine Ausstellung über die sogenannte Radical Jewish Culture statt, eine Bewegung verschiedener New Yorker Musiker jüdischer Abstammung, die sich Ende der 80er-Jahre in Downtown Manhattan formierte und ihre Wurzeln im Knitting Factory hatte, dem legendären Club in der Houston Street in Manhattan, spezialisiert auf experimentelle Musik, Jazz und Avantgarde.
Es brauchte allerdings ein Festival in München, bei dem von John Zorn kuratiert, Musiker wie Marc Ribot, David Krakauer aber auch Lou Reed auftraten (Zorn selbst führte seinen Zyklus Kristallnacht hier zum ersten Mal auf) und dabei erstmals eine Art jüdisches Gemeinschaftgefühl aufkam. Dies manifestierte sich in einer Schrift, in der John Zorn und Marc Ribot erstmals über eine Radical Jewish Culture nachdachten.

Wichtig dabei ist, das es sich hier um keinen religiösen oder stilistischen Rahmen handelt, sondern dass es alleine um die Herkunft der Musiker geht. Musikalisch ist dagegen alles erlaubt. Ganz im Sinne von John Zorn selbst, der sich mit allen nur denkbaren Musikrichtungen auseinandergesetz hat. Von Jazz, über Metal und Hardcore bis hin zu Neuer Musik und Klassik - eindrucksvoll unter Beweis gestellt mit seinen Projekten Naked City, Painkiller oder Masada.

1995 gründete Zorn das Label Tzadik und erklärte diese Herangehensweise an Musik zur Labelpolitik. Seitdem sind dort erfolgreich weit über 100 CDs erschienen.

Dieser Geschichte widmet sich nun diese Ausstellung. Sie präsentiert neben Exponaten, wie man sie erwarten kann (z.B. Schallplatten- oder CD-Cover) auch Schriften und viel Historisches über das Judentum in New York. Auf den Wänden finden sich zudem großflächige Texte, in denen die wichtigsten Musiker der Szene portraitiert werden und an unzähligen Monitoren kann man sich per Kopfhörer in Interviews einklinken. Einige Ausschnitte daraus konnte man in letzter Zeit bereits im TV begutachten, doch hier kann man sich nun in die verschiedenen Themen so richtig vertiefen. John Zorn, Marc Ribot, Elliott Sharp, Frank London, David Krakauer, Shelley Hirsch (und noch wer) erweisen sich als kompetente Gesprächspartner.

Das Herz der Ausstellung stellen aber vier Vorführräume dar, in denen in Dauerschleife Filme, wie z.B. ein Masada-Konzert aus dem Jahr 1994, laufen. Auch John Zorns Aufführung von Kristallnacht 1992 in München ist zu sehen, sowie eine ganze Reihe anderer musikalischer Beispiele der Szene.

Ich bin an einem ruhigen Donnerstagvormittag dort gewesen und habe ca 2 Stunden gebraucht. Dann war ich durch. Dabei habe ich mir aber nicht alle Filme in voller Länge angeschaut. Man könnte sich also bestimmt auch 3 Stunden dort aufhalten.
Der Eintritt beträgt 4 EUR. Das begleitende JMB-Journal mit viel Hintergrundmaterial kostet 2,50 EUR.

Doch was wäre eine Ausstellung über Musik ohne ein musikalisches Begleitprogramm? Genau! Deswegen gibt es auch einiges an Musik drumherum. Z.B. ein bestimmt sehr interessanter Auftritt des Klezmer-Hip-Hoppers Socalled und eine Konzert mit Uri Caine, Tim Sparks und Greg Cohen.

Radical Jewish Culture (JMB) | Das JMB-Journal online lesen | Tzadik | Tagesschau Beitrag zur Ausstellung

Wiederveröffentlicht: Ministry. The Mind Is a Terrible Thing to Taste

1989 hatte ich einen Plattenladen, in dem 50% meiner Kunden Heavy-Metal kauften. Alles, was damals so angesagt war: Metallica , Kreator ,...

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