Sonntag, 12. August 2018

Ausgelesen: Die TELDEC-Story von Rüdiger Bloemeke

"Wie ein Plattenfirma unser Leben veränderte" lautet der Untertitel dieses lesenswerten Werks von Rüdiger Bloemeke etwas großspurig. Aber tatsächlich hat die TELDEC, 1950 aus einem Joint-Venture zwischen der deutschen Telefunken und dem britischen Decca-Label entstanden, entscheidend dazu beigetragen, unseren Musikgeschmack seit den 1950er-Jahren in Deutschland zu prägen.

Aber warum ein Buch über diese Firma? Ihr fehlt jeglicher Kultcharakter, wie ihn so manches Label heute umweht, nichts, was auf den ersten Blick ein ganzes Buch rechtfertigen würde. Doch bei genauerem hinsehen, erkennt man schnell, dass dieses Unternehmen tatsächlich wesentlich dazu beigetragen hat, nach dem Krieg internationale Musik in Deutschland zu etablieren. Den Jazz und Blues in den 50ern, dann den Rock'n'Roll, in den 60ern den Beat, später den Rock. Und in den 70ern versorgte TELDEC die deutschen Hitparaden mit Popmusik, wie kaum eine andere Firma.

Dabei half zunächst das Repertoire der britischen Decca, das bei Firmengründung 1950 neben dem altbackenen und etwas verstaubten Repertoire der Telefunken, das vor allem auf deutschen Schlager, sowie Volks- und Marschmusik setzte, einen Hauch von "Exotik" mit sich brachte. Zumal Decca das London-Label betrieb, das viele US-amerikanische Künstler beheimatete.

Vertriebsdeals mit dem US-Labels RCA, Warner Bros., Capitol oder MCA brachte Stars wie Elvis Presley, Frank Sinatra oder Ray Charles in die deutschen Plattenläden. Später die bei Decca unter Vertrag stehenden Rolling Stones, David Bowie oder Van Morrison. Und aus deutschen Landen sind die Karrieren von Udo Lindenberg und Peter Maffay eng mit der Firma verbunden.

Daneben konnte die TELDEC sich aber auch einem Namen in der Forschung machen. Nachdem die Vinylschallplatte Ende der 50er-Jahre die Schallackplatte abgelöst hatte, gab es bei der TELDEC stets Bemühungen, die Qualität des eingesetzten Materials, als auch dessen Weiterverabeitung zu verbessern. So wurden im firmeneigenen Presswerk in Nortorf erstmals Singles im Füllschrift-Verfahren gepresst. Ein Verfahren, dass die Spielzeit einer Single auf bis zu 9 Minuten pro Seite erhöhte und sich schnell als Standard auch bei anderen Schallplattenfirman durchsetzte. Und als sich in den 1980ern die CD als Konkurrent zur Vinylschallplatte zu etablieren begann, entwickelte man in Nortorf das Direct Metal Mastering, kurz DMM, mit dem man die Qualität und Spielzeit der Vinylschallplatte noch einmal verbesserte. Zwar konnte man den Siegeszug der CD damit nicht stoppen, heute wird DMM allerdings weltweit beim Pressen von Schallplatten verwendet.

Autor Bloemeke gelingt mit dieser Chronik nebenbei auch einen Einblick in die popkulturellen Entwicklung der BRD und ihrer Gesellschaft, sowie einen Einblick in die internationale Musikwelt, geprägt von nur wenigen Konzernen. Das beginnt spannend mit dem politisch heiklen Zusammengehen einer deutschen mit einer britschen Schallplattenfirma, gerade einmal 5 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs, und endet schließlich Ende der 80er-Jahre mit der Übernahme der Firma durch den Warner-Konzern.

Dazu gibt es unzählige Abbildungen von Schallplattencovern, historische Fotos und auch ein paar Statistiken, die das Ganze prima abrunden. Ein lesenwertes Buch für alle, die sich für Musik, aber auch für Industriegeschichte interessieren. 

:: Die Teldec Story - Wie eine Plattenfirma unser Leben veränderte, Voodoo Verlag ​2018, Hardback, 284 Seiten, EUR 38, ISBN: 9783000596988 ::
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Sonntag, 14. Juni 2015

Ausgegraben: Robin Gibb. Saved By The Bell - Collected Works 1968-1970 (3CD-Box)


Dieser Tage ist eine erstaunliche CD-Box erschienen, die nicht nur für Fans Robin Gibbs oder der Bee Gees von Interesse sein dürfte (und sollte). Rund 45 Jahre nach ihrer Enstehung, werden hier nun die allermeisten Songs dieser Box erstmals veröffentlicht, nachdem ein Großteil dieses Materials lange Zeit als verschollen galt. Ganze 10 Jahre nahm die Arbeit an dieser Zusammenstellung in Anspruch. 10 Jahre, in denen nicht nur die Masterbänder aufgespürt werden, sondern Produzent Andrew Sandoval auch auf Acetate zurückgriff, die erst teuer auf Aktionen erstanden oder von Sammlern ausgeliehen werden mussten. Umso erstaunlicher ist nun das Ergebnis.

Als Anfang 1970 Robin Gibbs erstes Soloalbum Robin's Reign erschien, war er längst wieder im Studio, um Songs für ein Nachfolgealbum, Sing Slowly Sisters benannt, einzuspielen. Doch es kam anders als gedacht. Nicht nur die Erfolgslosigkeit der Solokarrieren seiner Brüder Barry Gibb und Maurice Gibb, sondern auch die Unzufriedenheit mit seinem Dasein als Solokünstler, nachdem er zuvor beinahe 15 Jahre gemeinsam mit ihnen die Bee Gees von einer australischen Kindergesangsgruppe zu einer international erfolgreichen Popband geführt hatte, ließen ihn noch im Jahr 1970 einer Reunion mit seinen Brüdern zustimmen, obwohl er selbst mit dem Singlehit Saved By The Bell im Sommer 1969 auf einen europaweiten Tophit zurück blicken konnte. Und auch zwei Nachfolgesingles konnten in Europa in den Charts punkten.

In einem Interview bezeichnete Robin Gibb diese Zeit einmal als seine dunkle Zeit. Kein Wunder, dass er an dem Solomaterial nach der Reunion der Bee Gees und den neuen gemeinsamen Erfolgen, schnell sein Interesse verlor. Offenbar so sehr, dass die Masterbänder der meisten der Aufnahmen aus den Jahren 1969/70 offenbar verloren gingen.

Robin's Reign erschien dann zwar Anfang der 90er Jahre einmal als CD, war jedoch nur kurzzeitig über ein Polydor Billiglabel in Krabbelkisten verfügbar und schnell eine echte Rarität unter Gibb-Fans. Von einem unveröffentlichten Album wussten allerdings nur Experten. Erst als in den späten 90er Jahren auf der legendären Ladybird-Bootleg-Reihe unveröffentlichtes Material unter dem Titel Sing Slowly Sisters veröffentlicht wurde, ahnte man, dass da noch vieles in den Archiven schlummern könnte. 

Erst vor 10 Jahren begann Robin Gibb sich wieder auf diese Zeiten zu besinnen, was dazu führte, dass er 2007 im Rahmen der BBC-Sendung Lost Albums dieses zweite unveröffentlichte Album vorstellte. Damals musste er noch auf ein Acetat zurückgreifen, das kaum besser klang, als das Ladybird-Bootleg. Aber bei den Fans wurde damals die Hoffnung genährt, dass an einer Bearbeitung und Veröffentlichung dieses Materials gearbeitet wurde.

Diese Hoffnung bekam jedoch eine Dämpfer als Robin Gibb 2012 starb. Posthum erschien zwar sein letztes Soloalbum 50 St. Cathrine's Drive, an weitere Veröffentlichungen unter seinem Namen, mochte dann aber kaum mehr jemand glauben.

Bis heute.

Saved By The Bell - Collected Works 1968-1970 ist nun wirklich die definitive Rückblende für alle Fans dieser Periode aus Robin Gibbs Karriere. 63 Songs, in den Jahren 1968 bis 1970 eingespielt, belegen nun die überaus beeindruckende Kreativität des damals gerade mal 20-jährigen Musikers, der mit einfachsten Mitteln wahre Perlen der Popmusik erschuf, im Grunde weit entfernt von dem, was er in den Jahren zuvor mit den Bee Gees produziert hatte. Robin's Reign, auf CD 1 enthalten, zeigte 1970 tatsächlich nur einen kleinen Ausschnitt aus Robin Gibbs musikalischem Universum. Die Songs, die man nun heute dem unveröffentlichtem Album zuordnet, entwickeln mit ihren z.T. grandiosen Orchesterarrangements (meist von Kenny Clayton geschrieben) in Verbindung mit frühen Drum-Computern und einfachen Keyboards eine unglaubliche Faszination. So ist CD 2, die dieses Material vornehmlich enthält, auch der Höhepunkt dieser Box. Und das in einer Klangqualität, die keinerlei Wünsche übrig lässt. Die Restauratoren haben hier ganze Arbeit geleistet.

Aber auch die 3. CD bietet Unvergleichliches, auch wenn man hier dem einen oder anderen Song die Restaurationsarbeiten anhört. So gibt es hier u.a. Demos zu hören, die Robin Gibb bereits zu seinen Zeiten mit den Bee Gees solo eingespielt hat, aber auch seine raren BBC-Sessions vom Januar 1970 und seine Hommage an die Mondlandung, Moon Anthem betitelt, ein 5-minütiges Stück für Chor und Orchester. 

Wenn man nun noch berücksichtigt, dass dieses Set, das im Übrigen ausführliche Liner Notes von Bob Stanley enthält, gerade mal für 20 Euro angeboten wird, dann sollte man sich diese Zusammenstellung umgehend zulegen. Es gibt viel zu entdecken!

Erhältlich über amazon.de

Dienstag, 18. Oktober 2011

Ausgegraben: Jimi Hendrix Experience - Winterland (4CD-Box)

Die Shows, die Jimi Hendrix mit seiner Experience 1968 im Winterland gab, sind in dieser Box erstmals offiziell zusammengefügt. Ein Hörgenuss der entspannten Art!

Sechs Shows spielte die Band in drei Tagen am 10., 11. und 12 Oktober 1968, exakt der Zeitpunkt, zu dem das Electric Ladyland-Album in den Staaten erscheinen sollte (tatsächlich erschien es dann wegen der Probleme, die aufgrund des Covers entstanden, etwas später.), und die Band war zu diesem Zeitpunkt zweifellos auf ihrem kreativen Höhepunkt.

Deren Spielfreude war zu diesem Zeitpunkt enorm. Das ist auch an den Coverversionen zu hören. Herausragend: Sunshine of Your Love von Cream, Like A Rolling Stone von Bob Dylan. Und auch Wild Thing von The Troggs erlebt eine Wiedergeburt in der Bearbeitung der Experience. Und wenn man genau hinhört wird man auch ein Zitat von I Feel Fine der Beatles hören, das die Band in ihre Version von Hey Joe am 11.10 eingebaut hat.

Auch interessant ist der Vergleich der diversen Sets, der nun erstmals möglich ist und man ist verwundert, wie sehr manche Songs variieren, sowohl in der Länge, als auch im Aufbau. Manchmal verweigert Hendrix einfach den Gesang oder er singt einen ganz neuen, frei improvisiert, wie vieles auf diesen vier CDs. Als Hendrix-Fan oder Kenner wird man sicher noch mehr Interessantes entdecken. Angeblich gibt es auch einige Edits, die die Fachleute sicher erkennen. Doch für mich, dem sich Jimi Hendrix erst sehr spät erschlossen hat, ist diese Box genauso eine Entdeckungsreise wie die The Cellar Door Sessions von Miles Davis; eine Reise, die ohne Ende neue Sichtweisen auf die Musik beider Musiker, die meiner Meinung nach sowieso vieles gemeinsam haben, zulässt.

Winterland bei amazon

Samstag, 1. Oktober 2011

Gerade gehört: Glen Campbell vs Jeff Bridges


In diesen Tagen sind die Alben zweier älterer Herren erschienen, die ich nun so oft gehört habe, dass ich inzwischen kaum glauben kann, dass sie rein zufällig so zeitgleich erschienen sind. Warum? Weil man sie so schön vergleichen kann und dabei kaum Gemeinsamkeiten ausmachen kann, sie aber trotzdem prima zusammen passen.
Schon rein formal könnten die Unterschiede kaum größer sein: für den 61-jährigen Jeff Bridges ist es sein Debut (ok, ich weiß, Bridges hat schon früher einmal ein Album eingespielt. Ich habe das aber einmal gehört und sofort wieder vergessen), für den 13 Jahre älteren Glen Campbell wohl eher sein Abschiedsalbum. Und während Campbell versucht, "ganz großes Kino" zu machen, hat der andere, der tatsächlich Schauspieler von Beruf ist, ein Album ohne große Ambitionen abgeliefert. Nach Jeff Bridges' Erfolg mit seiner Rolle als abgehalfteter Countrysänger in dem wunderbaren Film Crazy Heart, für dessen Soundtrack er bereits fünf Songs eingespielt hatte, lag es beinahe nahe, dass er es mit einem kompletten Album versuchen könnte, das ihn nicht so sehr auf das Countrygenre festlegen würde; was gelungen zu sein scheint, denn auf dem bei Blue Note erschienen Werk finden sich auch Blues- und Pop- und Folkmelodien, die Mischung, die man heute Americana nennt, um das vom klassischen Country abzugrenzen.

Einem Country, dem Glen Campbell stets verpflichtet war. Doch auch er liefert auf seinem neusten Werk Ghost on the Canvas eher ein Popalbum ab. Das hat möglicherweise damit zu tun, das Campbell nach einer Alzheimerdiagnose mit diesem finalen Album noch einmal sein Leben Revue passieren lassen wollte, weswegen das ein sehr persönliches Album geworden ist. Die zu befürchtende Gefühlsduselei blieb dabei aber glücklichwerweise aus. Das liegt ganz klar an den Songschreibern, die Campbell engagiert hat. Leute wie Paul Westerberg, Jakob Dylan, Teddy Thompson oder Robert Pollard kommen eher aus der alternativen Musikszene und ihr Songwriting trägt wesentlich zum Reiz dieses teilweise äußerst hörenswerten Albums bei.

Für manchen US-amerikanischen Musikkritiker ist dieses Album aber zu "weich". Mit Sentimentalität könnte der klassische Countryhörer sicher umgehen, mit Schwäche und Ängsten eher nicht. Campbells innere Einkehr und die daraus entspringenden Einsichten machen das Album für mich allerdings erst interessant, gehörte er doch nie zu meinen liebsten Sängern, sondern stand spätestens seit Rhinestone Cowboy 1975 auf meiner Blacklist. Countrypop vom Schlimmsten, was man damals beim AFN zu hören bekommen konnte. So etwas findet man hier aber glücklicherweise nicht.

Auch Jeff Bridges hat für sein Album äußerst gemischte Kritiken bekommen. Vor allem die Songauswahl wurde oft kritisiert (zu sentimental!). Die große Schwäche dieses Album ist jedoch für mich der Gesang. Das war schon die Schwäche beim Hören des Soundtracks zu Crazy Heart. Im Film fiel das nicht so auf, doch wenn das Bild fehlte, wurde es schwierig. Auf Jeff Bridges wünschte man sich entweder etwas mehr Whiskey in der Stimme oder mehr Dynamik. Beides fehlt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Highlights des Albums die sind, wo Gastsänger zur Unterstützung aufgefahren wurden. Darunter Ryan Bingham, Rosanne Cash, Sam Phillips und Benji Hughes. Der Rest ist völlig ok. Die Produktion von T-Bone Burnette ist gelungen, die Songauswahl erwartungsgemäß auch.

Was von den beiden Alben bleibt sind zwei Hände voll sehr guter Songs, die mich auch noch weiter begleiten werden. Und die Einsicht, dass auch große Unsympathen wie Glen Campbell, eine zweite Chance verdient haben. Und die Hoffnung, dass Jeff Bridges sein Debut mit einem zweiten Album toppen wird.

Und um die ganze Vergleicherei zum Abschluss zu bringen: Während Jeff Bridges in True Grit kürzlich die Rolle des Rooster Cogburn spielte, gab Glen Campbell 40 Jahre zuvor im Original des Westerns den Ranger LaBoeuf - und sang natürlich den Titelsong des Films.



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Donnerstag, 8. September 2011

Ausgegraben: Jim Capaldi - Dear Mr. Fantasy

Dear Mr. Fantasy? Ist das nicht von Traffic? Und war das nicht Steve Winwood? Ja, natürlich, aber nicht nur. Jim Capaldi war Co-autor einer ganzen Reihe von Traffic-Songs und gleichzeitig der Schlagzeuger der Band. Und wie das mit Schlagzeugern so ist, war man später ganz überrascht, das dieser auch singen konnte, als Capaldi nach dem Ende Traffics begann, Soloalben zu produzieren.

Doch Capaldi hatte auch vor Traffic musiziert. The Hellions war seine erste Band 1964. Später umbenannt in Revolution und Deep Feeling. Damals lernte er Dave Mason kennen und über diesen Steve Winwood und die Geschichte von Traffic konnte beginnen: Dear Mr. Fantasy, John Barleycorn Must Die, Dealer, 40,000 Headmen - an vielen Songs war Jim Capaldi beteiligt, ohne dass er größer in den Vordergrund trat. Traffic hatte schon genug Probleme damit, mit Steve Winwood und Dave Mason zwei musikalische Köpfe zu verkraften. Da war für einen dritten Ideengeber kein Platz. Sein erstes Soloalbum, Oh How We Danced, 1972 in einer Traffic-Pause eingespielt, wurde in den Muscle Shoals Studios in Alabama aufgenommen und schlug eine Brücke zwischen britischem Rock und Blues und US-Rhythm & Blues. Paul Kossoff als Gitarrist war auch dabei. Die Kritiken fandes es gut, die Fans eher nicht. 

Und während Capaldi bis 2001 regelmäßig Soloalben veröffentlichte, veredelte er als renommierter Schlagzeuger auch den Sound vieler anderer Musiker. So spielte er mit Eric Clapton oder Carlos Santana, arbeitete aber auch immer wieder mit Steve Winwood zusammen und war natürlich bei diversen Traffic-Reunions beteiligt. Für sein letztes Album, das vor 10 Jahren bei dem deutschen Label SPV erschienen war, konnte er Musiker wie George Harrison, Steve Winwood, Paul Weller, Gary Moore und Ian Paice verpflichten.

Er war gerade mal 60 als er 2005 an Magenkrebs starb. Jetzt endlich erscheint mit Dear Mr. Fantasy - The Jim Capaldi Story eine angemessene Restrospektive seines Werks auf 4CDs, die den 40-jährigen Bogen komplett von The Hellions bis zum Traffic-Reunionkonzert anlässlich der Einführung in die Rock'n'Roll-Hall-Of-Fame im Jahr 2004 schlägt. Für Fans ist sicher die 4. CD die interessanteste, da sie vor allem unveröffentlichtes Material enthält - u.a. den Song Love’s Got a Hold of Me mit George Harrison gemeinsam eingespielt; mein Highlight auf dieser CD ist aber seine Liveversion von Love Will Keep Us Alive, ein Song der von den Eagles für deren Hell Freezes Over-Album 1994 Verwendung fand.

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Trackliste

CD 1
  1. Daydreaming of You – The Hellions
  2. Hallelujah – Revolution
  3. Pretty Colours – Deep Feeling
  4. Dealer – Traffic
  5. Dear Mr. Fantasy – Traffic
  6. Light Up or Leave Me Alone – Traffic
  7. Rock and Roll Stew – Traffic
  8. 40,000 Headmen*
  9. Pearly Queen (Live) – Eric Clapton and Friends
  10. Tricky Dicky Rides Again
  11. Oh How We Danced
  12. Eve
  13. Don’t Be A Hero
  14. Open Your Heart
  15. How Much Can a Man Really Take
  16. Low Rider
  17. Whale Meat Again
CD 2
  1. It’s All Up to You
  2. Love Hurts
  3. Short Cut Draw Blood
  4. Boy with a Problem
  5. Seagull
  6. You and Me (with Paul Kossoff)
  7. Game of Love
  8. Elixir of Life
  9. Shoe Shine (Disco Mix)
  10. Hotel Blues
  11. Tabitha
  12. Electric Nights
  13. Wild Geese
  14. Every Man Must March to the Sound of His Own Drum
  15. Man With No Country
  16. Going Home
CD 3
  1. Let the Thunder Cry
  2. Favella Music
  3. Child in the Storm
  4. Warm
  5. Old Photographs
  6. We Don’t Need
  7. Tonight You’re Mine
  8. Living on the Edge
  9. That’s Love
  10. Gifts of Unknown Things
  11. Lost Inside Your Love
  12. Tales of Power
  13. Warriors of Love
  14. Something So Strong
  15. Oh Lord, Why Lord
  16. Love Used to Be a Friend of Mine
  17. Some Come Running
  18. Living on the Outside
CD 4
  1. Standing in My Light
  2. Anna Julia
  3. Love You ‘til the Day I Die
  4. State of Grace*
  5. Tallulah*
  6. Humanity (Just Another Checkpoint)*
  7. Bright Fighter*
  8. Strange Bird*
  9. How Do I Get to Heaven*
  10. Love’s Got a Hold of Me (with George Harrison)*
  11. Song for George*
  12. The Time of Cholera*
  13. Invaders of the Heart*
  14. Getting Strong*
  15. Love Will Keep Us Alive*
  16. Dear Mr. Fantasy* (Live) – Traffic (Recorded at rehearsals for the Rock and Roll Hall of Fame induction, New York City 2004)
Disc 1, Track 1 from Piccadilly single 7N 35213, 1964
Disc 1, Track 2 from Piccadilly single 7N 35289, 1966
Disc 1, Track 3 rec. 1966, first issued on Angel Air SJPCD088, 2001
Disc 1, Tracks 4-5 from Mr. Fantasy, Island LP 961, 1967
Disc 1, Tracks 6-7 from The Low Spark of High Heeled Boys, Island LP 9180, 1971
Disc 1, Track 8 original version first appeared on Island single WIP 6030, 1968
Disc 1, Track 9 from Eric Clapton’s Rainbow Concert, RSO 877, 1973
Disc 1, Tracks 10 & 11 from Island single WIP 6165, 1973
Disc 1, Track 12 from Island (U.S.) single 1204, 1972
Disc 1, Tracks 13-15 from Oh How We Danced, Island LP 9187, 1972
Disc 1, Tracks 16-17 from Whale Meat Again, Island LP 9254, 1974
Disc 2, Tracks 1-5 from Short Cut Draw Blood, Island LP 9336, 1975
Disc 2, Track 6 from Koss, DJM LP 2-300, 1977
Disc 2, Tracks 7-8 from The Contender, Polydor LP 2383 490, 1978
Disc 2, Track 9 from RSO 12″ single RPO-1014, 1979
Disc 2, Tracks 10-13 from Electric Nights, RSO LP 3050, 1979
Disc 2, Tracks 14-16 from The Sweet Smell of Success, Carrere 116, 1980
Disc 3, Tracks 1-6 from Favella Music, Carrere LP 123, 1981
Disc 3, Tracks 7-10 from Fierce Heart, Atlantic LP 7 80059-1, 1983
Disc 3, Tracks 11-13 from One Man Mission, Atlantic LP 7 80192-1, 1984
Disc 3, Tracks 14-16 from Some Come Running, Island LP 9921, 1988
Disc 3, Track 17, 18 & Disc 4, Tracks 1-3 from Living on the Outside, SPV CD 72512, 2001 – reissued 2003
Disc 4, Tracks 4-16 previously unreleased
 All tracks performed by Jim Capaldi unless otherwise indicated.
* indicates previously unreleased track

Gerade gehört: Ry Cooder - Pull Up Some Dust And Sit Down


Ry Cooder ist schon ein Phänomen. Jahr für Jahr bringt er neue Alben heraus und findet jedes mal ein neues Thema; dieses mal ist es der Protestsong. Ok, das Thema hat er schon öfter gestreift in seinen unermüdlichen ethnologischen Bemühungen, dem Folksong einen wichtigeren Platz in der vom Pop und Rock beherrschten Musikwelt einzuräumen. Im aktuellen Fall packt er aber ganz aktuelle Themen an, verbreitet also ganz persönlichen Protest verbunden mit seiner oft so typischen Bitternis, seiner Ironie bis hin zum Sarkasmus. Ein Kulturpessimismus, der sich oft nur im Zusammenspiel mit der Musik wieder auflöst. Denn Cooder packt seinen Protest ins Gewand klassischer Protestsongs, also Folk, Blues, Mariachi - und Ry Cooder wäre nicht Ry Cooder, würde er das nicht mit einer gehörigen Portion Humor verbinden - auch wenn der im Falle Pull Up Some Dust And Sit Down recht düster daher kommt.

Das geht los mit dem Song Quicksand, den Cooder bereits im letzten Jahr aus Anlass eines neuen Migrationsgesetzes in den USA veröffentlicht hatte. Hier gibts keine "Gnade" für die Mexikaner, die ihrem zerrütteten Land entfliehen wollen. Oder in Christmas Time This Year, dem besonderen Weihnachtsgruß für den Präsidenten:
Our boys and girls will be coming home in plastic bags I fear
then we'll know it's christmas time this year
Thank you Mr. President for your kind words and deeds
There's just one thing I'd like for you to hear
Take this war and shove it up this Crawford, Texas ass
And then you know it's christmas time this year
So stellt er auch gleich klar, welchen Präsidenten er damit meint - und unterlegt das mit herrlichen Tex-Mex-Akkordeonklängen - natürlich von Flaco Jimenez gespielt. Und in John Lee Hooker For President, wo Ry Cooder den vor 10 Jahren verstorbenen Blueser regelrecht auferstehen lässt, bekommt dann auch Präsident Obama noch sein Fett weg.

Überhaupt muss man mal die großartigen Sangeskünste Ry Cooders erwähnen. Das kommt meiner Meinung nach viel zu selten vor. Auf seinen ganz frühen Alben hielt er sich damit offenbar noch etwas zurück. Doch je älter er wurde, desto bluesiger wurde seine Stimme. Nicht nur in John Lee Hooker For President klingt er beinahe schwärzer als seine Vorbilder, auch im dem spartanischen instrumentierten Baby Joined The Army, einem Song, in dem er den amerikanischen Traum auf das Erschossenwerden im Krieg reduziert: "They told me if I get killed in battle I still get paid". Und in Simple Tools zeigt Cooder mit einfachen Mitteln wie ausweglos sich das wirkliche Leben darstellen kann.

Und am Ende des Albums angekommen, wird einem klar, warum Ry Cooder an all diesen Gruseligkeiten nicht völlig verzweifelt. Weil er die Musik dazu hat, diesem Protest eine Form zu geben. Und zwar eine wunderschöne Form. Im letzten Song des Albums allerdings, No Hard Feelings, einer romantisch klingenden Countryballade, versucht er noch einen anderen Weg der Problembewältigung:
No hard feelings no offense taken
You're just a murmur in the whispering sands of time
No bad karma, no curses on ya
You'll go your way and I'll go mine
Aber ob das so klappt?

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Dienstag, 6. September 2011

Rave On: Buddy Holly zum 75.

© GettyImages

Heute wäre Buddy Holly 75 Jahre alt geworden - wäre er nicht bereits 1959, im Alter von nur 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Bis dahin hatte er aber bereits über 10 Singles, darunter That'll Be The Day, Nummer 1 in England und den USA, veröffentlicht. Und während in den Staaten sein früher Ruhm ganz langsam zu erlahmen schien, war er in England umso beliebter. So war er der erste US-amerikanische Popmusiker, der den großen Teich überquerte, um durch England zu touren. Keith Richards und die Beatles zählten zu seinen Fans und Buddy Holly wurde gleich in mehrfacher Hinsicht zum Vorbild vieler Musiker in den 60er Jahren in England.

Was Buddy Holly so wichtig machte war seine Unabhängigkeit, die er sowohl kommerziell als auch künstlerisch zu leben versuchte. Er war der erste Musiker, der seine Songs selbst schrieb und seine Platten selbst produzierte. Er befreite sich nicht nur vom Diktat der Musikverlage und Produzenten, sondern er versuchte durch seine gelegentliche Zusammenarbeit mit schwarzen Musikern und der Integration schwarzer Musikelemente (wie etwa Gospel) in seine Musik, die in den USA auch in der Musikindustrie herrschenden Rassenschranken aufzubrechen. Das machte manchen in den Staaten Angst, brachte Buddy Holly - vor allem in England - durchaus aber auch Anerkennung.

So ist es nicht nur seine Musik, die die Popmusik in den folgenden Jahrzehnten beeinflusste. Buddy Holly war der erste im Showgeschäft, der mit einer Brille auftrat (was Elton John angeblich zu seinem Brillenfetisch führte), die Hollies und die Beatles benannten sich nach Buddy Holly (& The Crickets!), ein sehr junger Bob Dylan war Holly-Fan (und sah eines seiner letzten Konzerte), und einen Bobby Vee oder auch die Everly Brothers, wären ohne Holly sicher nicht denkbar gewesen.

Buddy Hollys Todestag ging als "day, the music died" in die Musikgeschichte ein - ein Begriff, den Don McLean 1971 in seinem Song American Pie prägte, und in dem er seine Gefühle schilderte, als er von Hollys Tod erfuhr. Für Don McLean ein Tag, dessen Echo durch die gesamten 60er Jahre widerhallte und irgendwo beim Altamont Festival 1969 bitter verklang. (Eine Reflexion über American Pie stellt übrigens Roberta Flacks Killing Me Softly With His Song dar.)

Natürlich wurde auch Hollys Musik gecovert bis sich die Schallplatten bogen. Allen voran natürlich das unsägliche Peggy Sue. Das ist, wie viele andere Songs, dermaßen durch alle Industriekanäle gequetscht worden, dass man das heute nur noch schwer ertragen kann. Selbst Coverversionen leiden nicht selten unter dieser Verwertungsmaschinerie. In diesem Jahr erschien allerdings eine Compilation, Rave On Buddy Holly!, die durchaus hörenswert ist und sogar einige Überraschungen bereit hält. Z.B. Lou Reeds krachige Version von Peggy Sue oder das völlig umarrangierte That'll Be The Day von Modest Mouse. Aber auch Paul McCartney, dem im Übrigen die Rechte an Buddy Hollys Songkatalog gehören, überrascht mit seinem bluesigen It's So Easy! Großartig!
Glücklicherweise ist die Musik vor 52 Jahren dann doch nicht wirklich gestorben!

Das Tracklisting:
1. "Dearest" - The Black Keys
2. "Every Day" - Fiona Apple & Jon Brion
3. "It's So Easy" - Paul McCartney
4. "Not Fade Away - Florence + The Machine"
5. "(You're So Square) Baby, I Don't Care" - Cee Lo Green
6. "Crying, Waiting, Hoping" - Karen Elson
7. "Rave On" - Julian Casablancas
8. "I'm Gonna Love You Too" - Jenny O.
9. "Maybe Baby" - Justin Townes Earle
10. "Oh Boy" - She & Him (2:18)
11. "Changing All Those Changes" - Nick Lowe
12. "Words Of Love" - Patti Smith
13. "True Love Ways" - My Morning Jacket
14. "That'll Be The Day" - Modest Mouse
15. "Well...All Right" - Kid Rock
16. "Heartbeat" -The Detroit Cobras
17. "Peggy Sue" - Lou Reed
18. "Peggy Sue Got Married" - John Doe
19. "Raining In My Heart" - Graham Nash

Rave on Buddy Holly bei amazon | Rave On Buddy Holly

Wiederveröffentlicht: Ministry. The Mind Is a Terrible Thing to Taste

1989 hatte ich einen Plattenladen, in dem 50% meiner Kunden Heavy-Metal kauften. Alles, was damals so angesagt war: Metallica , Kreator ,...

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